Spannende Zeiten: Halten die Börsen nochmal einen Crash durch?

Spannende Zeiten: Halten die Börsen nochmal einen Crash durch?

6/1/2021

Die Mehrheit der Anleger geht heute höhere Risiken ein als vor der Finanzkrise – teilweise unbewusst. Unliebsame Überraschungen sind programmiert.

Nach 2007/2008 und dem Lehman Brothers Crash haben wir durch die Covid-19 Krise einen weiteren weltweiten Börsencrash miterlebt. Vor gut einem Jahr hieß es noch, "Düstere Zeichen für die Weltkonjunktur: An den Börsen brechen die Kurse ein, der Ölpreis stürzt ab." Dabei soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass sich konjunkturelle Probleme schon lange vor dem Ausbruch des Coronavirus gezeigt haben. Die europäische Industrie steckt seit sechs Quartalen in der Rezession, sie schrumpft seit dem dritten Quartal 2018. Corona macht manche Probleme sichtbar, die schon vorher da waren und verstärkte das Ganze. Ähnlich in China: dort waren die Wachstumsraten seit langem rückläufig, der Handelskrieg mit den USA schlug sich negativ zu Buche, und viele chinesische Unternehmen waren sowieso schon stark überschuldet. Doch anders als in den Finanzkrisen davor, reagierten die Staaten schnell und stützten die heimischen Betriebe. Eine expansive Fiskalpolitik war weltweit angesagt. Es floß eine Unmenge an frischem Geld in den Markt und dieser erholte sich prompt sehr rasch und brach einen Rekord nach dem anderen. Da war es auch wenig verwunderlich, dass man sich fragte, wie viel Fiskalpolitik ist eigentlich tragbar? 

 

Aber schauen wir uns auch das kurz an. Die wirtschaftliche Erholung von der Corona-Pandemie verlief global sehr unterschiedlich. Die Corona-Pandemie ist der größte globale Schock für die Weltwirtschaft seit vielen Jahrzehnten. Während Chinas Wirtschaft 2020 als einzige große Volkswirtschaft mit 2,3 % wuchs und sich 2021 mit wahrscheinlich über 8 % Wachstum weiter schnell erholen könnte, befinden sich auch die USA – wesentlich gestützt durch eine erfolgreiche Impfkampagne – auf Erholungskurs. Der Einbruch 2020 war mit einem Rückgang von 3,5 % vergleichsweise moderat, die Erholung wird 2021 mit gut 6 % unerwartet dynamisch verlaufen. Die Eurozone hingegen verzeichnete mit rund minus 7 % einen deutlich stärkeren Einbruch und mit einem Plus von gut 4 % 2021 eine deutlich schwächere Erholung. Die epidemiologischen Maßnahmen zur Eindämmung interagieren folglich aufs Engste mit den wirtschafts- und konjunkturpolitischen Instrumenten zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen. Es stellt sich die Frage, welche Instrumente in diesem Fall wirksam und effizient sind, wie also der fiskalpolitische Impuls ausgestaltet sein sollte, um das aggregierte Angebot zu schützen und die aggregierte Nachfrage zu stützen. Die Pandemie stellt angesichts der extrem hohen wirtschaftlichen Kosten einen „Whatever it takes“-Moment der Fiskalpolitik dar. Mit dem Comeback der Fiskalpolitik verbinden einige Ökonomen und Politiker sogar ein neues makroökonomisches Paradigma der Wirtschaftspolitik. Weit weniger klar ist jedoch, welche Rolle die Fiskalpolitik im Ausgang der Pandemie spielen sollte. Kann die Wirtschaft mehr oder weniger von allein hochfahren oder benötigt sie den Anschub durch öffentliche Ausgaben? Die Antwort sollte eigentlich klar JA lauten. 

 

Und damit wieder zurück zum eigentlichen Thema. Schaut man sich einmal die aktuelle Marktsituation an, dann muss man sich schon fragen, "Sind die Akteure an den Finanzmärkten völlig ausser Rand und Band?". Klar ist, der Markt hat sich in den letzten Wochen wieder etwas korrigiert und das starke Wachstum hat langsam aber sicher ein Ende. Natürlich werden die Märkte weiter wachsen, das sieht man auch daran, dass der Ölpreis weiter steigt und die Indizes von einem Rekord zum anderen springen. Dennoch,  steigende Zinsen können bedrohlich für Aktien werden. Auch muss man die Inflation beachten. Nach einem Wiedereröffnen der Wirtschaft ist mit starken Nachholeffekten zu rechnen und dies wird höchstwahrscheinlich zu Preissteigerungen sowie gegebenenfalls zu Lieferengpässen führen. Es ist also ein wahrscheinliches Szenario, dass wir temporär 3 %  oder gar 4 % Inflation sehen. Das ist aber von den Notenbanken generall auch so gewünscht und mittel bis längerfristig sollte man nicht in Panik geraten, da keine Gefahr von dauerhaft höherer Inflation oder gar einer Hyperinflation droht. 

 

Aber irgendwie schweifen wir schon wieder ab. Doch es hat auch seine Berechtigung. Wir brauchen die einzelnen Hintergründe, um die Thematik zu verstehen. 

 

Wenn wir das Jahr einmal kurz anschauen, dann haben wir einige interessante Punkte erlebt. Erst treiben unbedarfte Privatanleger die Aktienkurse von wenig zukunftsträchtigen Firmen wie dem Spiele-Einzelhändler Gamestop in schwindelerregende Höhen. Dann implodiert die mit unvorstellbar hohen Kreditsummen operierende Anlagefirma Archegos Capital und sorgt bei Banken weltweit für Milliardenverluste.

Und quasi en passant schwellen die Kurse etlicher Kryptowährungen kontinuierlich an, explodieren und steigen wieder, obwohl sie kaum als Zahlungsmittel eingesetzt werden können. Hinter dem Bitcoin stecken inzwischen mehr als 1000 Milliarden Dollar. Selbst bei der "Spasswährung" Dogecoin, die als Parodie zum Bitcoin gedacht war, waren es jüngst rund 80 Milliarden.

 

Sind nun solche für den aussenstehenden Betrachter irrationalen Auswüchse untrügliche Vorboten eines nahenden Crashs? Diese Schlussfolgerung wäre vermutlich zu gewagt; auf die leichte Schulter sollte man die Entwicklungen aber auf keinen Fall nehmen. Die Anlegerlegende Warren Buffett klagte vor kurzem, so manches lasse die Finanzmärkte wie ein riesiges Kasino erscheinen, und die US-Notenbank Fed warnte in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht vor Risiken, die sich hinter Akteuren wie Archegos verstecken können.

All das sollte auch Privatanleger nicht kaltlassen. Hinter den genannten Phänomenen steckt jeweils eine Mischung aus Gier, Skepsis gegenüber den Notenbanken, Angst, etwas an den Märkten zu verpassen, einem gehörigen Mass an Sorglosigkeit sowie der verzweifelten Suche nach Rendite in Zeiten von Negativzinsen.

 

Doch wie kam es zu dieser Anhäufung von Risiken? Mindestens drei Aspekte spielen hier ineinander. Beim ersten handelt es sich um einen Automatismus, gepaart mit einer Dosis Sorglosigkeit. Seit März 2009 befinden sich die Aktienmärkte, massgeblich beflügelt vom billigen Geld der Notenbanken, in einem beispiellosen Aufwärtstrend. Zwar kam es immer wieder zu Kursrückschlägen, die aber stets schnell wieder ausgebügelt waren. Das gilt selbst für den drastischen Einbruch vor gut einem Jahr wegen der Corona-Krise.

Erneut waren die Notenbanken zur Stelle, zudem stützten die Staaten die Konjunktur mit umfangreichen Hilfspaketen. An den meisten Börsen ist die Scharte längst wieder ausgewetzt angesichts einer gewissen Erholung der Wirtschaft und der Erwartung, dass sich diese fortsetzen wird. Etliche Handelsplätze, darunter jene in den USA, Deutschland, der Schweiz oder China, haben sogar Rekordstände erreicht.

In den vergangenen gut zehn Jahren ist der Aktienanteil in den Portfolios allein schon wegen der Marktentwicklung gewachsen. 

 

Mindestens ebenso relevant dürfte der zweite Treiber für die gestiegenen Risiken sein: Die nun schon seit Jahren geltenden Negativzinsen haben dazu geführt, dass kaum noch ein Privatanleger sichere, aber mehrheitlich verlustbringende Staatsanleihen in seinem Portfolio hält. Zwar versprechen Firmen-, Hochzins- oder Schwellenländeranleihen im Vergleich zu Staatspapieren langfristig höhere Renditen, ebenso wie Aktien, Immobilien, Hedge-Funds oder Gold. In einem Crash reagieren sie aber völlig anders. Statt dem Portfolio ein gewisses Mass an Stabilität zu verleihen – die Kurse von sicheren Staatsanleihen steigen dann im Normalfall –, vergrössern sie erst noch das Minus. Selbst das oft als Krisenwährung bezeichnete Gold hat auf etliche Markteinbrüche zunächst mit spürbaren Kursverlusten reagiert.

 

Besonders heikel ist die dritte Form der Risikosteigerung, nämlich das Investieren mithilfe von Krediten. Zwar mag es in Einzelfällen sinnvoll sein, für eine kurze Zeit und in einem überschaubaren Rahmen Gelder aufzunehmen. Bei sinkenden Kursen kann die zusätzliche Hebelwirkung Anleger aber schnell in Nöte bringen, weil das Eigenkapital dadurch rascher schrumpft. Beim Unterschreiten gewisser Werte liegt dann der Entscheid, einen Teil der Vermögenswerte zu verkaufen, nicht mehr im eigenen Ermessen, sondern bei der Bank. 

 

Für einen einzelnen Anleger kann das wie bei Archegos tragisch enden. In einem Crash kann es aber wie ein Brandbeschleuniger wirken, wenn viele auf Kredit investieren. Genau das findet in den USA gerade statt. Im März betrug dort die Summe der Kredite in sogenannten Margin-Accounts mehr als 820 Milliarden Dollar. Ein Jahr zuvor waren es noch 480 Milliarden Dollar gewesen. Anscheinend vertrauen immer mehr Anleger darauf, dass der Höhenflug an den Märkten noch lange anhalten und die US-Notenbank für das dazu nötige Umfeld sorgen wird.

 

Anleger sollten jederzeit auf ein solches Ereignis vorbereitet sein, nicht zuletzt, weil der Mensch von Natur aus mehrheitlich risikoavers ist. Da es alles andere als einfach ist, sein Portfolio günstig gegen Verluste abzusichern, und das richtige Timing letztlich eine Frage des Glücks ist, besteht der Königsweg darin, die Anlagerisiken mit der eigenen Risikotoleranz in Einklang zu bringen.

Die Frage, welchen maximalen Verlust das heutige Portfolio in der Finanzkrise erlitten hätte, ist hierfür ein guter Ausgangspunkt. Sie kann von jeder Bank anhand der historischen Renditen beantwortet werden. Die Überlegung dahinter: Zwar werden sich die Märkte im nächsten Crash nicht genauso entwickeln wie damals, aber diese Phase ist eine gute Vorlage für ein Worst-Case-Szenario.

 

Übersteigen die Verluste einer solchen Analyse nicht die eigene Toleranzschwelle, besitzt man gute Chancen, nicht zu jenen zu zählen, die unliebsam von einem Crash überrascht werden. Warren Buffett hat es einmal so formuliert: «Wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer ohne Badehose schwimmen gegangen ist.» Wer seine Anlagestrategie in einer Baisse durchsteht, vermeidet nicht nur, schmerzhafte Verluste in einem unglücklichen Zeitpunkt zu realisieren, sondern ist auch von Anfang an dabei, wenn sich die Kurse wieder erholen. Und das werden sie nach dem nächsten Crash wieder tun, wenn auch vermutlich nicht so schnell wie nach dem Corona-Schock.

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